LSD 1, 13.07.1975 – 12.05.1976

Ich will versuchen, ein Tagebuch zu führen.

„Anders gesagt, entscheidet der Zufall (was für ein seltsamer Satz!) darüber, was in die Sammlung gelangt, und der Zufall entscheidet, wie es verwendet wird. (Man stelle sich eine Sozial-Wissenschaft vor, die sich nicht nur zu diesem Prinzip bekennt, sondern damit arbeitet!) Dies scheint mir eine aufschlussreiche Charakterisierung des Notizbuchs eines Feldforschers zu sein. Doch ich möchte noch eine weitere Eigenschaft hinzufügen, die die Magie der magischen Enzyklopädie ausmacht, nämlich die Art und Weise, wie das Notizbuch eigentlich eine Erweiterung des Selbst ist, wenn nicht sogar mehr Selbst als man selbst, wie ein ganz neues Organ neben dem Herz und Hirn, um nur die sinnträchtigsten Organe unseres inneren Selbst zu nennen.”

Michael Taussig (2011): Feldforschungsnotizbücher, in: dOKUMENTA (13), Das Buch der Bücher, Katalog 1/3, Ostfildern 2012, S. 65

Methodischer Aufbau

Aus einem philosophischen Interesse für Anfang1 wird hier eine Methode zu Grunde gelegt, die entlang persönlicher Tagebuchaufzeichnungen individuell mentale Verarbeitungsstrukturen beschreibt. Ein zentripetal2 osziquintierender3 Austausch findet seinen Ausdruck darin, dass persönliche Erlebnisinnenräume, wie sie im Tagebuch beschrieben stehen, mit gesellschaftlichen Kon-Texten4 osziquintieren und so eine zeithistorische Entwicklung5 offenbaren, die einer metaphysizierenden Geisteshaltung zu widerstehen sucht. Damit etabliert sich eine individuelle Konstruktion als Format osziquintier-sensibler6 Geisteshaltung.

Mein Ziel ist es, beispielhaft zu beschreiben7, wie die EIN-Sicht in die Verwicklung einer schmerzlich fundamental asymmetrisch erfahrenen, öffentlichen Welt ohne metaphysiche Anleihe8 zu verarbeiten versucht wird?9

ich ist leb-, leib wandel- und geist osziquintierbar.

1 „Wegen dieser Einzigartigkeit, die mit der Tatsache der Geburt gegeben ist, ist es, als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt Gottes wiederholt und bestätigt; will man den Jemand, der einzigartig in jedem neuen Menschen in die Welt kommt, bestimmen, so kann man nur sagen, dass es in bezug auf ihn vor seiner Geburt „Niemand“ gab. Handeln als Neuanfangen entspricht der Geburt des Jemand, es realisiert in jedem Einzelnen die Tatsache des Geborenseins; Sprechen wiederum entspricht der in dieser Geburt vorgegebenen absoluten Verschiedenheit, es realisiert die spezifisch menschliche Pluralität, die darin besteht, daß Wesen von einzigartiger Verschiedenheit sich von Anfang bis Ende immer in einer Umgebung von ihresgleichen befinden.“

Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1981, S. 217

2 „Während sich beim zentrifugalen Wahrnehmungsverständnis des jüngeren Kindes die Blicke aller auf dem Objekt vereinigen, dieses also „öffentlich“ ist, gehen nun viele Pfeile zentripetal vom Objekt zu den verschiedenen Betrachtern und erzeugen in deren Erlebnisinnenräumen subjektive Eindrücke, die von Individuum zu Individuum variieren können.“

Doris Bischof-Köhler: Kinder auf Zeitreise: Theory of Mind, Zeitverständnis und Handlungsorganisation, Bern; Göttingen; Toronto, Seattle : Huber 2000, S. 22

3 osziquintieren – Übergang des Geistigen einer dysfunktionalen Mentalstruktur durch zentripetal geistreiches Variieren des Geistigen in eine komplexere Mentalität, die für das Geistige, nicht aber für die dysfunktionale Mentalstruktur, kontingent ist.

4 „Die Notizbücher (H.D.: LSD = Lysergsäurediethylamid 25 = LebensSeitenDaten) stellen einen Versuch dar, sich jenem Punkt anzunähern, an dem das künstlerische und intellektuelle Leben innerhalb und außerhalb der eigenen Welt zusammenfließen. Das ist reine Möglichkeit, das <Außerhalb> ist die Möglichkeit ihrer Verwirklichung. Beide sind notwendiger als je zuvor und werden in einem Zustand der Hoffnung zum Ausdruck gebracht. Wie können wir unsere jeweiligen Vorstellungen austauschen und miteinander verknüpfen, um zu verstehen, wie sich Versprechungen erfüllen lassen? Wie können Herausforderungen in Methoden transformiert werden, und wie können die Transformationen des Denkens für ein gesellschaftliches Feld übersetzt werden, das notwendigerweise immer auch normativ ist?“

Carolyn Christov-Bakargiev: Notizen zur dOKUMENTA (13) im Zustand der Hoffnung, Vortrag, Kairo 21.04.2011

5 „Vielmehr erforscht die Genealogie die politischen Einsätze, die auf dem Spiel stehen, wenn die Identitätskategorien als Ursprung und Ursache bezeichnet werden, obgleich sie in Wirklichkeit Effekte von Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen mit vielfältigen und diffusen Ursprungsorten sind.“

Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Ffm 2003, S. 9

6 „Für alle fünf Jahre Lager kann ich heute fünf Dinge sagen:
1 Schaufelhub = 1 Gramm Brot.
Der Nullpunkt ist das Unsagbare.
Der Rettungstausch ist ein Gast von drüben.
Das Lager-Wir ist ein Singular.
Der Umfang geht ins Tiefe.
Aber für alle fünf Dinge gilt ein- und dasselbe: Sie sind gründlich wie die Stille zwischen ihnen und nicht vor Zeugen.“

Herta Müller: Atemschaukel, München 2009, S. 263

7 Dirk Baecker: Gesellschaft als Kultur. Warum wir beschreiben müssen, wenn wir erkennen wollen, in:

Lettre International Heft 45, S. 56

8 „Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat – , und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat.“

Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, logisch-philosophische Abhandlung, Ffm 2003, S. 111

9„Das unwillkürliche, invasive Wohnen in der ersten Nische drückt keine paritätische Beziehung zwischen dem Besucher und der Gastgeberin aus, es ist vom Kind her gesehen die einseitigste Operation, die es in seinem Dasein begangen haben wird, und wenn es Diktator werden sollte. Daß es dennoch willkommen geheißen werden kann, beweist die Spannkraft des Lebens.“

Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals, Ffm. 2005, S. 408

Initialkonflikt

Die neuapostolische Kirche ist eine christliche Glaubensgemeinschaft1 mit starkem Eingriff und –fluss auf die biopsychosoziale Entwicklung ihrer Glaubensmitglieder2. Ihren absoluten Autoritätsanspruch leitet sie vom Selbstverständnis ab, die einzig wahre Kirche Jesu Christi auf Erden zu sein. Dieses christlich fundamentalistische Dogma ist verknüpft mit dem apokalyptischen Konstrukt, in der Endzeit zu leben, d.h., dass sich die Offenbarung des Johannes3 – die Bluthochzeit und die Errettung der hundertundvierzungvierzigtausend Auserwählten – jeden Tag erfüllen kann. Wer zur gegebenen Stunde nicht im Gottesdienst ist bzw. nicht im Glauben lebt, riskiert in der Bluthochzeit und im ewigen Fegefeuer verloren zu gehen. Als vierzehnjähriger Konfirmand hatte ich in aller mir zur Verfügung stehenden Wahrhaftigkeit das Glaubensbekenntnis gesprochen: Ich entsage dem Teufel und all seinem Werk und Wesen und übergebe mich Dir, o dreieiniger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, im Glauben gehorsam und ernstlichem Vorsatz, Dir treu zu sein bis an mein Ende – Amen.

Um diese Zeit erschütterte mich zwei Mal Todesangst4, die, soweit ich es erinnere, ausgelöst wurde, wenn ich mich auf „Ende“, den letzten Satz des Glaubensbekenntnisses, konzentrierte – „Dir treu zu sein bis an mein Ende“. Beide Male mündete dieser Zustand in eine überwältigende „ja“ und „danke“ sagende Einheitsempfindung. Diese innere Erschütterung verband ich mit dem apostolischen Versprechen, als versiegeltes, neuapostolisches Glaubenskind in Ewigkeit aufgehoben zu sein.

Die Angst verband ich mit einem dunklen Gefühl, das zunächst Unruhe und Herzklopfen auslöste und sich dann im Kopf in unausprechlicher Entgrenzung Bahn brach. Diese aufsteigende Wahrnehmung war von einem Empfinden beschattet, das ich eindeutig spürte, jedoch weder denken, geschweige denn in Worte ausdrücken konnte. Da war ein schemenhaftes Gefallenfinden an Klassenkameraden und Nachbarjungen, ein kindlich gleichgeschlechtliches Doktorspiel, was einer gehorsamen Entwicklung zum gläubigen, neuapostolischen Gemeindemitglied fundamental widersprach.

Das kindlich, pubertäre Doktorspiel wurde, spät, mit vierzehn, fünfzehn Jahren aufgegeben. Eine gesellschaftliche Situation mit mehr Demokratie wagen und einer sozialdemokratischen Bildungsoffensive in den 70’ern des vergangenen Jahrhunderts erweiterte den gesellschaftspolitischen Raum. Studien über den gewöhnlichen Homosexuellen5 erreichten über Funk und Fernsehen auch die westfälische Jugend.

Mit siebzehn, achtzehn Jahren spitzte sich der innere Konflikt zu und motivierte mich – nach wiederholten melancholischen6 Nachmittagen im dörflichen Freibad, stiller Beobachtung eines Nachbarjungen im Apfelbaum, der sehnsüchtigen Erwartung an einer Bushaltestelle der nahegelegenen Kreisstadt einen braunäugigen Jungen aus dem Nachbardorf wiederzusehen – zum Tagebuchschreiben.

1 J.G. Bischoff (Hrsg.), G. Rockenfelder (zusammengestellt u. bearbeitet): Geschichte der Neuapostolischen Kirche, Ffm, Sophienstr. 75, 1968

2 Siegfried Dannwolf: Gottes verlorene Kinder: ein Ex-Priester der Neuapostolischen Kirche klagt an, Gütersloh 1996

3 Die Bibel, Neues Testament, Die Offenbarung des Johannes, Kap. 14

4 Anne Klein: … und plötzlich überfiel mich Todesangst, Stuttgart 1991

5 Martin Dannecker / Reimut Reiche: Der gewöhnliche Homosexuelle, Ffm 1974

6 Deshalb hat sich im Bereich der psychischen Gesundheit das so genannte „biopsychosoziale“ Modell der Depression durchgesetzt. Es betont den Umstand, dass biologische und psychische Faktoren sowie die Qualität der sozialen Interaktion zur Entstehung einer Depression beitragen.< Michael D.Yapko: S.O.S. Depression, Heidelberg 2003, S. 19